Presse

Kölnische Rundschau, 27.01.05
Von Thomas Linden

Wut und Verzweiflung

Stefan Rogge inszeniert Sarah Kans Monolog „4.48 Psychose

Zwei Premieren innerhalb von zwei Wochen präsentiert goltz + silber mit Regisseur Stefan Rogge im Theater im Bauturm. Nach der fulminanten Inszenierung von John Osbornes „Blick zurück im Zorn“ folgte nun Sarah Kanes Monolog „4.48 Psychose“. Ein Text, der ein Jahr, nachdem sich die junge Dramatikerin 1999 das Leben genommen hatte, in London uraufgeführt wurde. Auch hier wird zornig auf ein Leben geschaut, das erstarrt scheint.
Rogge ließ die Wohnzimmergarnitur aus seiner ersten Inszenierung stehen, und tatsächlich steht Kanes Stück auch in der Nachfolge jenes verwegenen britischen Realismus, der nach dem Krieg durch Osborne sein Initialzündung erhielt. Allerdings geht von Kanes Text keine vergleichbare Dynamik aus, ihre Verzweiflung kreist spiralförmig u innere Konflikte und kulminiert – anders als Osbornes extrovertierter Aufschrei – in kraftloser Ohnmacht.
Die Klagen über den unaufhörlich ablaufenden Prozess der Selbstzerstörung und das Unverständnis der Ärzte, mit dem Sarah Kane möglicherweise während ihrer Aufenthalte in der Psychatrie konfrontiert wurde, führten nur in eine diffuse Klagegeste. Claudia Holzapfel hat es schwer, in diesem Material etwas zu finden, das sie mit ihren schauspielerischen Möglichkeiten gestalten könnt. Zumal ihr Stefan Rogge keinen überzeigenden Rahmen für eine packende Darstellung bietet.
So klug er Osbornes Stück mit Verfremdungseffekten aufknackte – hier fehlt ein ästhetischer Zuschnitt, um den eh schon dürftigen dramatischen Gehalt der Vorlage zu heben. Mit den schrillen Klängen der elektrischen Gitarren von Udo Heinz und Ralf A. Thomas lässt sich schließlich auch keine überzeugende Bindung zu Claudia Holzapfels Spiel herzustellen.

TAZ, 27.01.05
Von Holger Möhlmann

Hundert Aspirin und ein Flasche bulgarischen Rotweins

Stefn Rogge inszeniert „4.48 Psychose“

(…)Auf einem deprimierend grünen Sofa sitzt sie, Sarah Kanes Alter Ego, das Kind der Verneinung und schildert ihre Depression. Spricht über das große Garnichts Ihres Lebens: keine Freude, kein Schmerz, keine Wünsche, keine Triebe, nur totale Erstarrung. Diagnose: Pathologische Trauer. Über weite Stecken gelingen Regisseur Stefan Rogge und seiner Darstellerin Claudia Holzapfel eine Inszenierung im rechten Maß zwischen Pathos und Kühle, zwischen Ironie und Pietät. Immerhin hat sich die Autorin mit „$.448 Psychose“ in den eigenen Selbstmord begleite. Geboren 1971, avancierte die Dramatikerin Sarah Kane Mitte der 90r Jahre zum skandalträchtigen shooting Star der jungen britischen Autorenszene. Am 20.Febuar 1999 erhängte sie sich in einer Londoner Nervenklinik. Ihr Text gehört zu denn Stärksten, die das Theater der Jahrtausendwende zu bieten hat. Emotional präzise, ungeheuer phantasievoll und doch kurz angebunden, beleuchtet er eindrucksvoll die vielen Dimensionen im Innenleben der Protagonistin. Dieser Facettenreichtum prägt auch das Spiel von Claudia Holzapfel: wenn sie die Erzählerin ihre eigene Krankenakte rezitieren lässt und dabei die Namen von Medikamenten nennt, als wären Sie gute Freunde, wenn sie Tobsuchtsanfälle spielt oder sich  oder sich in nachgestellten Dialogen
über allzu verständnisvolle Psychiater, ja sogar über Leben und Tod selber lustig macht. Immer wieder kommt dieses Stück leichfüßig und gar nicht deprimierend im Plauderton daher, und das ist in Ordnung. Dieser bezwingende Text verträgt ein bisschen Witz und auch die eine oder andere Albernheit – trotz aller Pietät(…)Ein wunderbarer Text behutsam inszeniert und beherzt gespielt.