Presse

Rheinische Post, 5.05.05
Von Ruth Heynen

Moers blickt zurück im Zorn

In einer kleinen Kapelle unweit des Moerser Schlosstheaters sitzen auf grünlichen Sofas Halbclowns und spielen Stummfilm. Einst sei sein Leben ein Fest gewesen, sagt der eine, doch eines Abends habe er sich die Schönheit aufs Knie gesetzt und sie bitter gefunden. Schauspieler Glenn Goltz rezitiert Zeilen aus Rimbauds „Saison en Enfer“. An diesem Abend gibt er Jimmy Porter, den zornigen jungen Mann aus John Osbornes 1956 uraufgeführten Stück „Blick zurück im Zorn“. Doch immer wieder bricht er aus seinem Text aus und zieht aus anderen Quellen die bittere Bilanz seines Lebens.
Über ihm, auf einer winzigen hölzernen Empore, lockt ein grauhaariger Herr Punk-Akkorde aus den Saiten seiner E-Gitarre. Cool und trashig wie ein ganz junger. Neben Punksongs und Rezitation französischer Lyrik, Clownseinlagen, Stummfilmszenen, kleinen Grotesken und Tanznummern wird John Osbornes “Blick zurück im Zorn“ gegeben. Der provokant-unterhaltsame Musik-Hall-Abend der freien Gruppe goltz+silber ist eine von sechs ausgewählten Produktionen, die Fördergelder des neuen NRW-Fonds für Kooperationen zwischen städtischen Theatern und Theatern der freien Szene erhalten- hier zwischen dem Schlosstheater Moers und goltz+silber.

Vier Schauspieler – Glenn Goltz, Pirkko Cremer, Roland Silbernagl und Ila Stuckenberg - haben zusammen mit Regisseur Stefan Rogge und dem Musiker Andreas Debatin Osbornes Stück als überzeugende Analyse heutiger Verhältnisse aufbereitet. Das Drama um eine nach Freiheit suchende, dann aber langsam im Hass verrottende Liebes- und Freundschaftsgemeinschaft reiht sich in zahllose Punk-Gesangs-Nummern ein. Osborne schrieb über sein Stück, es brauche Tempo, Zartheit, Heftigkeit, einen Sinn für das Dramatische und das Lyrische. Das meiste davon hat diese Inszenierung.

Kölnische Rundschau, 20.01.05
Von Thomas Linden

Zorniger Blick auf die Epoche

Stefan Rogge versetzt Osbornes Klassiker „Blick zurück im Zorn“ glaubhaft in die Gegenwart

Zorn schlägt einem schon entgegen, bevor man als Besucher überhaupt Platz genommen hat. In harten Punksongs lassen die Beteiligten auf der Bühne kräftig Aggressionen ab. Im Theater im Bauturm wird die Anatomie eines Zorns vorgeführt, der keinen Adressaten findet und deshalb immer wieder auflodert. Er steigert sich zu weißglühender Wut, dann tritt mit der Verausgabung ein Moment der scheinbar friedlichen Flaute ein und schon schwillt die Aggression erneut an. In solchen Wellenbewegungen pulsen die Emotionen durch Stefan Rogges Inszenierung von John Osbornes Skandalstück „Blick zurück im Zorn“.
Nicht schlecht, wenn es einem Regisseur in unseren Tagen – die ja ästhetisch eher von Ratlosigkeit und Langeweile gekennzeichnet sind – wieder gelingt, im Theater eine Vorstellung davon zu geben, was Zorn sein kann. Die erstaunliche Aktualität diese Stückes, das 1956 in Großbritannien eine neue Ära des Theaters einläutete, wir sofort offenbar. Rogge lässt sine Darsteller einfach lokale und kulturelle Schlagzeilen aus Kölns Gegenwart zitieren, und niemandem entgeht, wie festgefahren die gesellschaftlichen Verhältnisse auch heute sind.
Wir leben in der „amerikanischen Epoche, ohne Amerikaner zu sein“, heißt es da frech. Vor diesem Hintergrund kann die Wut von Osbornes nie erwachsen gewordenem Protagonisten Jimmy Porter so recht aufblühen. Glenn Goltz gibt ihm jenen bösen wortgewandten Zynismus, der jeden Satz in eine verbale Verletzung verwandelt. Pirkko Cremer spielt Jimmys Ehefrau Alison die unter dieser Gewalt leidet, sich aber letztlich als die psychisch stärkere erweist. Beide vermögen Osbornes Figuren überzeugend in wiedererkennbare Charaktere unser Gegenwart zu verwandeln. Stark agieren auch Roland Silbernagl und Ila Stuckenberg als Freunde des Paars. Zu einem verwegenem Theatererlebnis wird Rogges Inszenierung auch durch die Ästhetik. Einem betulichen Realismus erteilt er gleich eine Absage, indem er sinen Darstellern weißgeschminkte Gesichter verpasst. Wie grotesk verzerrte Gestalten sehen sie aus, die aus einer Mischung aus Murnaus „Nosferatu“ und Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ entsprungen sein könnten. Mit dieser Verfremdung öffnet er das Feld für alle Möglichkeiten, das Theater als intellektuelles Spiel zu verstehen, mit dem sich Gedanken und Gefühle reflektieren lassen. Dazu passt das der Musiker Andreas Debatin Regieanweisungen vorliest, Szenen atmosphärisch unterlegt oder eben einmal in die Rolle von Alisons Vater springt. Hier wird das Theater klug demontiert, ohne das man ihm das Herz entfernt.

Stadtrevue Köln, März 2005
Von Michael Eggers

Pose und Psychose

Mit Punk neu abgemischt und aufgefrischt: John Osborne im Bauturm Theater

Wenn man in England ins Theater geht, passiert es nicht selten, dass man sich vorkommt wie im Museum. Viele Inszenierungen sind beherrscht on einem anachronistischen Ausstattungsrealismus, den man hierzulande fast nur noch im Volkstheater und im Musical erlebt. Aber trotzdem ist es englischen Dramatikern im 20.Jahrhundert immer wieder gelungen das Theater zu modernisieren, indem sie der Bühne neue Themen und Ausdrucksforen erschlossen haben. Einer der wichtigsten Repräsentanten des modernen englischen Dramas steht momentan auf dem Spielplan des Bauturm Theaters: John Osbornes “Blick zurück im Zorn“ von John Osborne, inszeniert von Stefan Rogge.
Jimmy Porter „Held“ des Osborneschen Stückes, war 1956 der angry young man, der James Dean der Bühne, für dessen Frust und Zorn es zu viele Gründe gab, als das man sie benennen könnte. Es war die Zeit in der das spielen auf der Jazztrompete noch ein Symbol für Protest und antibürgerlicher Rebellion war. In den 50er Jahren war das unerhört, wie dieser lebensuntüchtige Egoist seine engsten Mitmenschen provozierte und dabei zur Identifikationsfigur für eine ganze Generation wurde. Wer aber damals Zwanzig war ist heute Siebzig, und deshalb muss diese Vorlage gründlich aufgefrischt werden. Dem Team um die freie Gruppe goltz+silber, die das Stück mit dem Bauturm Theater koproduziert hat, gelingt das mittels einer ganzen Palette von Stilmitteln. Zunächst in expressionistischen Stummfilmästhetik, ganz in schwarz-weiß, später als Opernrezitativ, in verfremdeter Zeitlupe und wider in beschleunigten Dialog wird man auf Umwegen in die Geschichte eingeführt. Die virtuosen, überraschenden Wechsel in der Darstellungsweise sorgen für eine permanente Ironisierung, dazwischen entfaltet sich die Handlung in auf einmal glasklar gespielten Szenen, die einen unverstellten Blick auf die Charaktere zulassen.
An Mitleid mit diesen emotional orientierungslosen Häufchen ist durch die häufigen Stilwechsel nicht zu denken. Dennoch ist die psychologische Intensität umso größer, wenn an die Figuren herangelassn wird – etwa in der Schlüsselszene, als Jimmy und seine Frau Alison sich selbst in ihre eigene, kindische Fiktion flüchten und Bär und Eichhörnchen spielen. Ein übriges tun die Schauspieler: Glenn Goltz ist präzise und sicher als ein Jimmy, der in seiner wessen Maske wohl nicht zufällig an Kubricks „Clockwork Orange“ erinnert. Pirkko Cremer spielt die Alison auf Augenhöhe mit ihrem frauenverachtenden Mann – soweit es die Rolle zulässt. Die vor Einfällen sprühende Theatralisierung dieses Stücks löst die monologischen Tiraden Jimmy Porters, deren Wortwitz in der deutschen Überstzung ohnehin weitgehend auf der Stecke bleibt, konsequent in das gesamte Spiel des Ensembles auf. Rogge und sein Team tun richtig daran, sich nicht auf den Text und das Revoluzzertum der Hauptfigur zu verlassen, sondern fremde Zitate, Dialoge und Anspielungen auf Kölner Alltagsabsurditäten in die Inszenierung hineinzubasteln. Und dankenswerter Weise lässt Andreas Debatin den Jazz in der Mottenkiste, steuert stattdessen einige Punksongs bei, die live eingespielt und gesungen werden. Osbornes Stück aus der frühen britischen Popkultur wir so zu einem überraschenden, großartig umgesetzten spiel mit dramatischen Formen wie man es selten zu sehen bekommt.

TAZ, 1.02.05
Von Holger Möhlmann

Säulenheiliger der No-Future-Szene

(…)Bei Regisseur Stefan Rogge sieht Jimmy(Glenn Goltz)wie ein Bürgerschreck aus den Achtzigern aus: In schwarzen Gewändern irgendwo zwischen Punk und New wave, das Gesicht weiß gekalkt wie die Sänger von Kiss oder Visage, wirkt der gefrustete Süßwarendealer der No-Future Szene, wie die Ohne-Mich-AG in Person.
Obwohl noch jung, hat College Absolvent Jimmy schon längst keine Illusionen mehr: Ziel und Inhalt fehlen in seinem Leben – ein Zustand, der ihn zugleich lähmt und agressiv macht. Zusammen mit Ehefrau Alison(Pirkko Cremer) und Freund Cliff(Roland Silbernagl)hockt er in einem scheußlichen Wohnzimmer unf fragt Sinn suchend: „Wofür sollen wir unser Blut vergießen?“
Seine zynische Perspektivlosigkeit und seine durch maßlose Langeweile verursachten Gemeinheiten treiben Alison aus dem Haus, doch Resatzbraut Helena(Ila Stuckenberg) steht schon bereit – und langweilt sich so lange mit Jimmy, bis Alison zurückkehrt, um mit ihrem Mann einen Neuanfang zu versuchen. Es bleibt unklar, wann und wo Stefan Rogge seinen Einblick ins enttäuschte akademische Verweigerungsproletariat ansiedelt. Anspielungen in Text und Requisiten verweisen auf junge Kiffer im Köln der Jetztzeit, die düstere Kostümierung sowie die punkige Live-Begleitung auf der E-Gitarre wirken da etwas antiquiert. Inszenatorisch bewegt sich die Aufführung zwischen der Groteske des absurden Theaters und der grellen Realitätsschau des britischen Dramas der Neunziger. Häufig wird der Erzählfluss unterbrochen, das Stück als solches ironisiert und aufgebrochen, das Publikum seiner Illusion beraubt, damit es auch ja merkt: Wunschvorstellungen jeder Art haben im erbarmungslosen Kaltlicht dieser Szenerie nichts zu suchen.
Glenn Goltz als Jimmy überzeugt in seinen Monologen, ansonsten komm die Aufführung eher kraftlos daher. Zu monoton wird hier das Lebensgefühl einiger sensibler Jammergestalten beschworen, zu unbestimmt wirkt die Darstellung von Gefühlen, die unter mehreren Schichten Abgestumpftheit verborgen liegen. Ein Klassiker des Protests, leider auch ohne echte Power. Auch ein Grund zum Ärgern