Presse

Kölner Stadt-Anzeiger,04.12.2006
Von Rainer Hartmann

“Q4 - Imitation of Life” in der Kölner Schlosserei

Ein munterer Abend verbirgt sich hinter dem schwierigen Titel des Gastspiels. Deutsch, bulgarisch und englisch wird gesprochen und gesungen, aber weniger auf Dialoge kommt es an als auf die lebhaft entwickelte Körpersprache, in der sieben Schauspieler von Begegnung, Annäherung, Zärtlichkeit, Streit, Furcht und Abschied erzählen. Wenn es in Boian Ivanovs Inszenierung um “Imitation des Lebens” geht, dann mit distanziertem Blick, in straff rhythmisierten Kurzszenen. Start in Duisburg: Wachmann fühlt sich von übermotivierter Radiomoderatorin terrorisiert. Passanten fürchten, im Kinderwagen einer verschleierten Frau stecke eine Bombe. Und so weiter. Fortsetzung in Varna/Bulgarien am Schwarzen Meer: Mann am Strand arbeitet an der Häufung von Spaßfaktoren wie Rauchen, Trinken, Aufblasen von Ball und Luftmatratze, Lesen. Zwei Männer balgen sich um Liegestuhl und Handtuch. Oder alle sieben machen ein Tänzchen. Gut beobachtet, heiter bis spöttisch für die Bühne umgesetzt. Eine Koproduktion der Kölner Gruppe “Goltz + Silber” mit dem Theater in Varna. (RH)

Hamburger Morgenpost, 19.11.06
Von Birgit Schmalmack

Verständigungsschwierigkeiten beim Sexgeschäft

goltz+silber zeigt „Q4-Imitation of life“ im Hamburger Sprechwerk

Der kleine Grenzverkehr zwischen dem deutschem Freier und der bulgarischen Prostituierten läuft nicht so komplikationslos ab, wie er es gerne hätte. Der Absprache zwecks Geld, Stellung, Vorlieben und Extras sind sehr enge Grenzen gesetzt, wer keiner die Sprache des anderen beherrscht. Schließlich steht er mit heruntergelassenen Hosen da, unbefriedigt und ratlos, was er von dieser europäischen Völkerverständigung halten soll. In einer internationalen Zusammenarbeit zwischen dem Dramatischen Theater aus Varna (Bulgarien) und dem Schlosstheater Moers haben sich der Regisseur Boian Ivanov und seine sieben deutschen und bulgarischen Schauspieler auf Beobachtungstour in die Städte Duisburg und Varna begeben. Herausgekommen ist eine lockere, amüsante Szenenfolge über ihre Beobachtungen des beiderseitigen Alltags, “Q4″ gibt Einblicke in den Alltag in der Ruhrpott-Stadt, wo die Menschen nach Super-Billig-Angeboten Ausschau halten, Firmenpleiten erleben und in Reisekatalogen nach Schnäppchen blättern. Das 495-Euro-Angebot für zwei Wochen Vollpension an der bulgarischen Schwarzmeerküste bringt sie nach Varna. Dort kämpfen sie nun um ihren Strandliegeplatz am Pool, wimmeln aufdringliche Souvenir-Verkäufer ab, nehmen an einer Karaoke-Show teil und bändeln mit den bulgarischen Mädels an. “Q4″ wagt auch einen Ausblick in die politische Ebene: Wenn die EU-Vertreter zu Diskomusik über die Bühne steppen, verstehen sie sich auch ohne Worte. Doch sobald das Debattieren in babylonischer Sprachenvielfalt wieder beginnt, werden sie zu grau gekleideten, strengen Landesvertretern und die Harmonie schwindet. Höhepunkte der Aufführung sind die Momente, in denen das Ensemble in ausgefeilter, gekonnter Choreographie ohne Worte bebildert, was es beobachtet hat. Dann werden die Menschen zu Schachfiguren, die zwischen den verschachtelten Seiten- und Rückwänden auf- und abtauchen, einem höheren Plan gehorchend. Dann werden die Kultur- und Länderunterschiede nichtig und die Menschen funktionieren. Auch wenn im Zuge des EU-Beitritt von Bulgarien ein ernster Hintergrund den Anlass zu diesen kulturübergreifenden Theatersuche gab, werden in den Szenen eher die komischen Momente ausgelotet, die einen der anwesenden Zuschauer im Hamburger Sprechwerk am Ende spontan sagen ließ: “Toll war das!”


Neue-Rhein-Zeitung, 27.11.06

Von Ruth Heynen

Schnäppchenjagd durchs Ruhrgebiet

Eine deutsch-bulgarische Koproduktion im Forum Freies Theater Düsseldorf: „Q4 – Imitation of life“. Eine locker – leicht Revue

Ein wenig monoton wie Schlager eben sind, dringt Musik aus dem Lautsprecher: Radio Varna. Die Melodien sind dieselben in Italien, in Griechenland, in Deutschland. Unbekannt ist nur die bulgarische Sprache. Am 26.September 2006 empfahl die EU-Kommission, Bulgarien bis zum kommenden Neujahrstag in die Europäische Union aufzunehemen. Circa zwei Wochen später feierte ein deutsch-bulgarisches Projekt im Dramatischen Theater „Stoian Bachvarov“ in der Hafenstadt Varna Premiere. „goltz + silber“ ist ein freies deutsches Theaterkollektiv, gegründet von den Schauspielern Roland Silbernagl, Glenn Goltz und der Dramaturgin Nicola Bramkamp. Vor drei Jahren hatte es mit „Ice Cream Man“ seine erste gemeinsame Premiere in Köln und produzierte mit dem bulgarischen “Stoian Bachvarov“ das am Samstag zum ersten Mal im Forum-Freies-Theater gezeigte “Q4 – Imitation of life.
Am nordöstlichen wilden Balkan liegt die bulgarische Hafenstadt Varna direkt am Schwarzen Meer. Zwischen der östlichsten Grenze unseres Kontinents und der westlichsten Stadt des Ruhrgebiets, Duisburg, suchten die Theaterkünstler nach Bildern und Geschichten. Drei deutsche und vier bulgarische Schauspieler brachten sie nun in einer locker-leichten Revue auf die Bühne. Mit kleinen, witzigen Szenen aus Duisburger Wartezimmer, Telefonzellen und verlassenen Industriebauten beginnt der Ausflug durch die Ruhrgebiets-Schnäppchen-Jagd. Mit dem Billigflieger geht es an den Goldsrand, wo die Hektik des Urlaubs – Strandstress, Partnersuche und Disco-Gestrampel alle übermannt. Eingestreut werden babylonische Szenen aus dem Europarat und bezaubernde Bollywood-Tanz Choreographien. Ein wenig seicht vielleicht, wie Schlager so sind, fließt der Abend dahin. Am überzeugendsten sind die Szenen im Stück, in denen nichts erzählt wird, sondern Prostituierte ein gemeinsames Tänzchen wagen, Touristen sich bis zum Klobürstenkampf um die Sonnliege balgen und die Völkerverständigung bei der schnell-erotischen Nummer oder die Beziehungskiste beim schüchternen Karaoke-Gesang misslingt.

Hamburger Abendblatt, 19.11.06
Von Heinrich Oehmsen

Ost- trifft Ruhrpotttraum

“Imitation Of Life” im Sprechwerk

In kaum einer Stadt ist die freie Theaterszene so lebendig wie in Köln. In diesem Biotop gedieh auch die Kölner Theatergruppe goltz + silber. Festivals wie das renommierte Impulse 2005 belohnten die Truppe mit Nennungen. Dramatische und literarische Vorlagen auf ihre gesellschaftliche Bedeutung hin abzuklopfen gilt als ihre Spezialität. Für ihre internationale Koproduktion “Q4 - Imitation Of Life”, die am 18. November im Hamburger Sprechwerk gastierte, haben sich die Kölner mit dem bulgarischen Theater Stoian Bachvarov zusammengetan. Das Planquadrat Q4 steht für je einen Ausschnitt aus der Ruhrpottmetropole Duisburg und der bulgarischen Stadt Varna. Sieben Darsteller haben sich in beiden Städten mit Regisseur Boian Ivanov auf Spurensuche begeben und beschreiben sehr überzeugend EU-Träumereien wie alltägliche Verzweiflung in deutscher, bulgarischer und englischer Sprache. Und ein paar Bollywood - Anleihen bringt die Domstadttruppe auch noch unter.

Dnes, Sofia(Bulgarien), 29.10.2006

Seit einiger Zeit mag ich Boian Ivanov. Eigentlich habe ich ihn immer gemocht. Wegen der originellen Konzepte in seinen Inszenierungen, die ich immer zu schätzen wusste. Deswegen, weil er jung ist und  Visionen hat, die er in Staatstheatern zu realisieren wagt und  wegen seiner neuesten Inszenierung „Q4 – Imitation Of Life“.
Die Inszenierung ist eine Koproduktion der deutschen freien Theatergruppe goltz+silber und dem Dramatischen Theater Varna und wird von deutschen und bulgarischen Schauspieler gespielt(…)Kurze Szenen und Monologe verhandeln Privates, die Globalisierung,  die EU, Bulgarien und Deutschland. Ironischer Blick auf die gemeinsame allgemeine europäische Zukunft.Szenen aus dem am Meer gelegenen Varna und der deutschen Ruhrgebietsstadt Duisburg – skurril und ernsthaft - die einen auf den Gedanken bringen, ob wir alle in Europa eine und dieselbe Sprache sprechen, ob wir uns verstehen und was wichtiger ist das Geld oder die Gefühle.(…)Die Schauspieler sind hervorragend, musikalisch, rhythmisch und die Choreographie unterstützt das Ganze.
Nur das, dass das Publikum mit seinem Gelächter manchmal die Handlung auf der Bühne übertönt. Und das ist nicht überraschend. Mindestens nicht für mich – weil ich Boian Ivanov mag.